laudatio von Uta Rahman-Steinert

 

für songwen sun-von berg            weimar 26.10.2019

Liebe Frau Gatz-Hengst, liebe Songwen, sehr verehrte Gäste,

mit großer Freude komme ich der Bitte nach, heute Abend hier in der Galerie Profil die Ausstellung von Songwen Sun-von Berg zu eröffnen.

Als ich mich in der Vorbereitung auf diese Rede mit den Arbeiten der Künstlerin beschäftigt habe – nicht zum ersten Mal allerdings –, habe ich immer wieder über zwei Begriffe nachgedacht: Dualität und Ambivalenz. Dualität, wenn wir den Begriff wörtlich übersetzen, bedeutet „zwei enthaltend“ oder „Zweiheit“, wobei sich die beiden Aspekte ergänzen oder auch ausschließen können. Ambivalenz, wörtlich „beides gilt“, bezeichnet einen Zustand, in dem zwei oder auch mehr Gefühle, Eigenschaften oder Gedanken gleichzeitig nebeneinander existieren, was landläufig als widersprüchlich und zu Spannungen führend empfunden wird. In den Arbeiten von Songwen Sun-von Berg entdecke ich aber ganz viele ambivalente Bezüge, die zwei unterschiedliche Dinge oder Eigenschaften in sich vereinen, ohne dass Spannungen oder zwiespältige Dissonanzen auftreten. Im Gegenteil – und ich hoffe, dass Sie mir nach Besichtigung der Ausstellung beipflichten werden – die Blätter überzeugen durch ihre Harmonie, Gelassenheit und Souveränität. Das klingt vielleicht eher ein bisschen nach Ernsthaftigkeit –die durchaus vorhanden ist, aber an vielen Stellen ist gleichzeitig die Nonchalance einer spielerischen Unbekümmertheit zu entdecken. Und schon haben wir eine Ambivalenz entdeckt…

Wie macht sie das? Hier komme ich nicht umhin, einen kleinen Exkurs zu ihrer Biografie einzubauen. Es ist nicht nur so, dass Songwen das Glück hat, zwei Orte ihr Zuhause nennen zu können. Der Ort ihrer Wahlheimat Berlin ist ihr inzwischen ebenso vertraut wie der Ort ihrer Herkunft, die chinesische Metropole Shanghai. Es sind außerdem nicht nur die Städte, sondern auch die beiden Kulturen, die chinesische und die deutsche, die man bei dieser ihrer Verortung mitdenken muss. Aber es kommt noch besser: Ihre erste Ausbildung in China hat sie als Maschinenbau-Ingenieurin absolviert. Auch hier zeichnete sie schon mit Hingabe, allerdings präzise Linien, die die Grundlage für die Konstruktion komplexer Maschinen bildeten. Später, in Deutschland, studierte sie endlich bildende Kunst. Die Linien entfalteten sich organischer, freier. Sie sind das Ergebnis von Erfindungsgabe ebenso wie sie Anreger für Phantasie sein können.

Der Titel der Ausstellung lautet Himmel Erde Quadrat Kreis. Nach chinesischer Überlieferung ist der Himmel rund, die Erde hingegen viereckig. Einleuchtend, dass wir an dieser Stelle die Analyse der Dualitäten und Ambivalenzen fortsetzen müssen. Wer sich schon einmal mit chinesischer Philosophie beschäftigt hat, wird wissen, dass besonders im Daoismus das Zusammenwirken zweier gegensätzlicher Elemente, yin und yang, eine zentrale Rolle spielt. Nach diesen Vorstellungen ist das Prinzip der Polarität überall wiederzufinden: Himmel und Erde, Kreis und Quadrat, Oben und Unten bedingen einander ebenso, wie sie sich in ihrer Unterschiedlichkeit gegenüberstehen. Wenn sich das Verhältnis zwischen den beiden Polen, der ewige Kreislauf und Wandel, der zwischen denselben abläuft, im Gleichgewicht befindet, ist die Weltordnung gewahrt und Harmonie garantiert.

Vermutlich kennen sich die meisten der hier Anwesenden eher gut in Weimar aus und werden schon bemerkt haben, dass sich auf dem Titel der Einladung ein Bild findet, das den „Stein des guten Glücks“ zeigt, jene Skulptur, die Goethe 1777 in der Nähe seines Gartenhauses im Park an der Ilm aufstellen ließ. Diese auf einem Kubus ruhende Kugel war eine der ersten abstrakten Skulpturen in Mitteleuropa. Für Goethe war sie Symbol seiner Liebe zu Charlotte von Stein, aber auch Ausdruck allgemeinen Glückes und Wohlergehens. Die Dualität, das Gleichgewicht zwischen dem solide ruhenden Kubus und der fragilen Balance der Kugel, kann sicherlich als Metapher gedeutet werden. Nachdem wir nun noch die Assoziation zum chinesischen Weltbild herstellen können, verstehen wir eine weitere Dimension in diesem Bild von Songwen Sun-von Berg: Es umfasst die ganze Welt, Himmel und Erde und alle Dinge, die aus dem Zusammenwirken der beiden gegensätzlichen, aber einander bedingenden Pole hervorgehen. Und nicht zuletzt ist das Bild auch noch Ausdruck der Verehrung der Künstlerin für den großen deutschen Dichter.

Beim Betrachten des Bildes von der Skulptur im Garten drängt sich eine weitere Assoziation geradezu auf: Im Europa des 18. Jahrhunderts ist eine abstrakte Skulptur eine ziemlich singuläre Erscheinung gewesen. In China hingegen hat man bereits vor rund 2000 Jahren damit begonnen, Steine aus ästhetischen Gründen zu sammeln und mit diesen quasi abstrakten Skulpturen Gärten, Parks und Höfe zu gestalten. Später wurden auch interessant geformte kleinere Steine auf eigens dafür gefertigten Stein- oder Holzständern in den Arbeitszimmern der Gelehrten aufgestellt. Sie dienten der Betrachtung und Meditation. Ihre besonderen Qualitäten wurden in Gedichten beschrieben und in Katalogen illustriert. Die Wertschätzung der Steine hat nicht nur einen ästhetischen Aspekt, sondern auch eine metaphorische Dimension. Nach chinesischen Vorstellungen wohnt den Steinen die gleiche Kraft und Spiritualität inne wie der Erde und den Bergen. Als „Kristallisationspunkte der kosmischen Energie“ und als „Knochen der Erde“ sah und sieht man in den Steinen der Gartenanlagen und Gelehrtenstuben die höchsten Prinzipien der Natur verkörpert.

Steine finden sich auch immer wieder in anderen Bildern von Songwen. Manchmal erinnern sie in ihrer bizarren, durchbrochenen Gestalt ganz direkt an die eben beschriebenen Gelehrtensteine. Manchmal ist es mehr die typische Malweise der Künstlerin, die mich an chinesische Gartenfelsen denken lässt. Auf den ersten Blick mag es scheinen, als ob sie in der ganz klassischen Technik arbeitet, ihre Motive mit Pinsel und Tusche auf das Papier bringt. Das ist aber mitnichten der Fall. Bei Papier und Tusche handelt es sich zwar durchaus um die traditionellen chinesischen Materialien. Songwen Sun-von Berg malt jedoch nicht mit dem Pinsel, sondern benutzt eine Rohrfeder, ein Schreibgerät, das schon in der Antike im Gebrauch war und in der chinesischen Kalligrafie gar keine, dafür aber in der arabischen und hebräischen Kalligrafie eine zentrale Rolle spielt. Mit dieser Kombination hat sie ihre ganz individuelle Methode entwickelt und auch auf diese Weise scheinbar Gegensätzliches, Östliches und Westliches, zusammengebracht. Die Verwendung der Rohrfeder nun – und jetzt kehren wir wieder zu den Steinen zurück – lässt häufig gerundete Formen, Kringel und Kreise entstehen, die an die durchbrochene Oberfläche der Gartenfelsen und Gelehrtesteine gemahnen.  

Es kommt vor, dass die Künstlerin auch ihren Malgrund von beiden Seiten betrachtet und bearbeitet. Traditionelles chinesisches Briefpapier, welches sie gelegentlich verwendet, besitzt schon von vornherein das Potential einer zweifachen Ästhetik: Es weist manchmal bereits eine Gestaltung auf, zeigt in mehr oder weniger zarten Farben gedruckte oder auch im Blinddruck geprägte Motive, wie sie in der klassischen Malerei vorkommen, Blütenzweige, Tiere oder Landschaftsausschnitte zum Beispiel. Auf diese wird dann mit Pinsel und Tusche der kalligrafische Text geschrieben. Die beiden Elemente, Bild und Schrift, korrespondieren miteinander und ergeben in ihrer Zwiesprache eine eigene Ästhetik, die über die bloße Summe der beiden Teile hinausgeht, sie gerinnen zu einem neuen Dritten. Songwen Sun-von Berg hat solches Papier in einer noch komplexeren Weise bearbeitet: Es ist vorgekommen, dass sie mit dem Ergebnis, dass sich nach dem Bemalen der Vorderseite ergab, nicht zufrieden war, woraufhin sie zusätzlich die Rückseite bearbeitet hat. Die Semi-Transparenz des saugfähigen Papiers lässt Tusche- und Farbspuren hindurch scheinen. Das Papier verhält sich wie eine Membran, durch die die verschiedenen Bearbeitungsschichten diffundieren und am Ende ein Ganzes ergeben, das nicht nur formal, sondern auch inhaltlich eine Vielzahl von Bedeutungen aufeinanderschichtet.

Die Betrachtung der Malweise von Songwen führt uns weiter zu einem  Thema, das in der Kunst Chinas eine bedeutende Rolle spielt – nämlich zur Modularität. Die Künstlerin erwähnte in einem Gespräch, dass sie in der Atomtheorie Demokrits faszinierende Parallelen zum eigenen Schaffensprozess entdeckt hat: Nach dem Demokritschen Modell über den Aufbau der Welt entsteht Neues, entstehen alle Dinge aus kleinsten Teilen in verschiedenen Formen, die immer wieder unterschiedlich zusammengesetzt werden. Das ist aber auch ein Wesenszug der chinesischen Malerei und Schreibkunst. Alle chinesischen Schriftzeichen, so vielgestaltig sie auf den ersten Blick aussehen mögen, lassen sich auf nur acht Grundstriche zurückführen. Und auch in der Malerei hat sich ein Kanon von Stricharten etabliert, bezeichnet mit mehr oder weniger poetischen Namen wie Axthieb-, Hanffaser- oder Nagelkopfstrich, mit deren Hilfe beispielsweise die unterschiedlichen Komponenten eines Landschaftsbildes aufgebaut werden. Die Kunst besteht darin, die Grundbestandteile kreativ anzuwenden, das individuelle Können in die subtile Ausgestaltung dieser Elemente zu legen, sodass sich in diesen nicht nur die eigene Kreativität, sondern auch der Charakter und die Persönlichkeit des Künstlers, ja sogar die Gestimmtheit im Moment des schöpferischen Prozesses spiegeln. In seiner Art ist dieser Prozess der Interpretation eines Musikstücks vergleichbar: Die zugrunde liegenden Noten sind immer die gleichen. Dennoch ersteht das Stück dank der Interpretation des Künstlers – in diesem Fall der Künstlerin – bei jedem Vortrag in immer anderer und immer wieder neuer Weise.

Interessant sind für Songwen Sun-von Berg die modulierten, dynamischen, organischen Linien, die, die ein Eigenleben führen und so etwas wie einen individuellen Charakter aufweisen. Gerade Linien malt sie nicht, in der Natur kommen solche schließlich auch nicht vor, ist ihr Argument. Trotzdem hat sie in einigen Arbeiten, die in dieser Schau präsentiert werden, solche geraden Linien zum ersten Mal in ihre Bilder integriert und in diesem Zusammenhang für sich sogar eine neue Arbeitsweise erfunden. Die Kollagen, die Ausschnitte aus Architekturfotos einbeziehen und diese zur Inspirationsquelle für eine Bildkomposition nehmen, können durchaus als Reminiszenz an das Bauhaus-Jubiläum und an diese Stadt betrachtet werden.

Ich wünsche allen Besuchern, dass sie ebenfalls viele Inspirationen aus dieser Ausstellung mitnehmen und dass die Kunstwerke Sie vielleicht sogar dazu anregen, die Perspektive zu wechseln, um die Ambivalenzen der Dinge und Ereignisse zu sehen, die Ihnen täglich begegnen. 

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