laudatio für claudia Berg   

 

Helmut Brade            am 6.10.2018

Claudia Berg, „Radierte Landschaft“


Claudia Berg hat in Halle an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein studiert, und zwar in der Klasse für Freie Graphik. Die Grenze zur Malerei ist schwammig. Graphik stellt man sich immer schwarzweiß vor, aber sie kann genauso gut farbig sein. In Halle gab es erstaunlicherweise sogar einmal eine Periode grauer Malerei. Graphik und Malerei, Kunst kann beides sein und es ist deshalb wichtig, dass die Studierenden nicht nur Techniken lernen, sondern den Umgang mit Inhalten, selbst wenn der Inhalt nahe an Dekoration ist. Mit Dekoration beschäftigt sich allerdings Claudia Berg nicht. Sei liebt die Welt, in der sie lebt und zeigt es uns. Sie hat Beziehung zur Literatur. Sie illustriert nicht, sie schafft eigene Bilder, die den Texten nahe sind. Sie setzt auch die Erinnerung an Vergangenheit ins Bild, wie auch immer sie auf uns gekommen ist, in Rom als Zeugnis eines kraftvollen Imperiums, in Pompeji eines schrecklichen Naturereignisses, in Küstrin sinnlosen Krieges.

Ihr Ausdrucksmittel ist die Kaltnadelradierung. Es gibt verschiedene graphische Techniken. Beim Holzschnitt und beim klassischen Buchdruck druckt alles Hochstehende. Andere Techniken beruhen auf dem chemischen Unterschied von Wasser und Fett. Die Druckplatte nimmt die fettige Farbe nur an, wenn sie selber fettig ist. So ist das bei der Lithographie und dem Offsetdruck. Bei der Radierung drucken die in den Rillen und aufgerauten Flecken zurückgebliebenen Farbreste, nachdem man die Platte vorsichtig abgewischt hat. Bei der Kaltnadelradierung werden alle Beschädigungen mechanisch aufgebracht, mit Säure geätzt bei der klassischen Radierung. Die Druckende kann den Abzug erheblich beeinflussen, sie bleibt Künstlerin bis zum vollendeten Ergebnis. Das habe ich bei Claudia oft genug erlebt, es erschien mir gar nicht so schwierig, ehe ich kürzlich die leichtfertige Idee hatte, selber mal eine Kaltnadelradierung zu machen. Nun sehe ich alles mit anderen Augen und komme aus dem Staunen nicht heraus.

Claudia Bergs Radierungen sind Meisterwerke. Sie benutzt die Technik der Kaltnadelradierung mit großem Raffinement, ohne dass es irgendwie raffiniert aussieht. Sie ärgert sich nicht, wenn ihre Kupferplatten schon Spuren eigener Geschichte haben, wenn zum Beispiel ausgediente Dachplatten schon jahrelang dem Wetter ausgesetzt waren und Kratzer davon sichtbar sind. Wie ich nun weiß, kann man diese Beschädigungen benutzen oder durch Polieren verschwinden lassen. Auch ihre Zeichnung muss nicht endgültig sein. Sie kann verschieben und überzeichnen. Diese Arbeit ist ein lebendiger Prozess, der in unzähligen Zwischenstufen eine immer größere Verdichtung erlaubt, die feinste malerische Wirkungen hervorbringt. Das ist ein ständiger Balanceakt, man muss genau wissen, was man der Platte zumuten kann. Irgendwann wird sie böse und sperrt sich bei weiteren Beschädigungen. Die Künstlerin muss mit Feingefühl erkennen, was möglich ist. Bei der Arbeit sieht man wenig, erst der Druck zeigt das Ergebnis. Die Platte erinnert sich an frühere Zustände. Man sieht Schichten gestalterischer Wege. Das beherrscht Claudia Berg meisterhaft. Sie hat sich eine eigene und unnachahmbare persönliche Sprache geschaffen, die zu erstaunlichen Resultaten führt. Sie erreicht Wirkungen, die weit über die Möglichkeiten hinausgehen, die man von der eigentlichen Technik erwarten kann. Zu Beginn nimmt sie manchmal die Kupferplatte mit in die Natur. Sie legt ein Bild an. Der erste Druck ist oft von vollendet scheinender Frische. Wenn einem das gefällt, kann sie nur lachen. Zwischenschritte erscheinen vollkommen, und doch zerstört sie das Vollkommene, um das Vollkommenere zu finden. Dieser Prozess ist keinesfalls geradlinig, er ist quälend, und oft genug habe ich eine mir unverständliche Unzufriedenheit erlebt, die ich erst verstehen konnte, wenn ich den nächsten Schritt sah. Sie benutzt die Technik nicht als reine Vervielfältigung. Manchmal entstehen wertvolle Einzelblätter, die sich nicht wiederholen lassen oder nur in kleinen Auflagen zu drucken sind.

Es geht ihr dabei darum, ob sich für sie die Vorstellung erfüllt, um derentwillen sie überhaupt arbeitet. Zum Beispiel Rom: Sie hat ein Gefühl für diese Stadt. Sie erlebt das am Ort in der Realität von Raum und Licht. Dieser Eindruck, der in seiner Größe überwältigend ist, soll nun auf der kleinen, in ihren Maßen beschränkten Graphik wiederkehren und auch für andere Menschen, uns die Betrachter, nachfühlbar sein. Sie zeichnet nicht die touristischen Höhepunkte, das Kolosseum, die Peterskirche. Das würde ihr Anliegen nicht treffen. Ihr genügen eher ein paar Steine, Spuren von Architektur, Bäume, die Anmutung von Wärme und Licht und schließlich jene Atmosphäre des eigenen Erlebnisses.

Und so geht es ihr auch mit dem Mansfelder Land, mit Potsdam, Wörlitz, Mosigkau . . . der Heimat, in der sie lebt und die sie mit ihren besonderen Augen sieht und liebt. Die Poesie verwilderter Gartenanlagen sehen diese Augen mit Wohlwollen, die gepflegten Gartenanlagen mit Freude. Sie zeichnet, zeichnet, zeichnet. Gerne auf alten Notendrucken und in antiquarische Hefte. Wie schön kann doch altes Papier sein, das schon etwas erlebt hat, und das auf eine Packung Kopierpapier nur mitleidig blickt.

Noch eine abschließende Bemerkung. Man kann mit den Zeichnungen und Drucken von Claudia Berg sehr gut leben. Sie haben eine innere Kraft, die nicht versiegt, sie sind nicht so schnell zu Ende gesehen, sie bleiben Anlass für Freude und Nachdenken.


Helmut Brade, Weimar, Galerie Profil, 6. Oktober 2018



                                                                                                                zurück