Laudatio für Gerd Kanz                Orangerie

 

Dr. Cornelie Becker-Lamers

„Inseln lassen Brücken bauen“

Rede zur Eröffnung der Ausstellung mit Skulpturen von Gerd Kanz

in der Reihe „Kamelie & Skulptur“. Orangerie Belvedere, Sa, 7. März 2020, 15h


Sehr geehrte Damen und Herren,


mit dem Titel „Es könnten Blumen sein“, war vor zehn Jahren die Ausstellung der Reihe „Kamelie & Skulptur“ hier in der Orangerie überschrieben. Als ich vor einigen Tagen, direkt nach dem Aufbau der aktuellen Ausstellung, die Orangerie betrat, fiel mir beim Anblick der ersten Werke Gerd Kanz‘ spontan genau dieser Satz ein.

Wenig später erfuhr ich: Diese Assoziation ist vollständig legitim. Nicht nur, weil Gerd Kanz in seiner Kunst ohnehin auf die Vielfalt der Assoziationsmöglichkeiten setzt: Die Abstraktion in seinen Werken versteht er genau als Ermöglichung dieser Vielfalt. Die Assoziation zu Blumen in Werken wie „Blaue Blume“, „Green Emerald“, „Frühlingsanfang“ oder „Alba Casoretti“ ist auch deshalb legitim, weil das gesamte Werk von Gerd Kanz kaum ohne sein Leben in und mit der Natur zu denken ist. Im weitläufigen Garten der alten Brauerei eines anderthalbtausend Seelenortes südlich von Coburg, die er sich zum Wohn- und Arbeitsort zurechtgemacht hat, verfolgt Gerd Kanz den zyklischen und doch nie identischen Verlauf der Jahreszeiten mit großer Sensibilität und der Bereitschaft zu staunen und Trost zu empfinden, aber auch, sich irritieren oder verletzen zu lassen. Ein Kunstwerk ist dann häufig genug der Seismograph solcher seelischen Erschütterungen.

Sicher – die Werke, die hier den Eingangsbereich bestimmen, haben zum Teil direkt Blumennamen als Werktitel erhalten. Alba Casoretti ist sogar passenderweise der Name einer Kamelie. Aber diese Werktitel dienten den Skulpturen nicht als Programm. Sie werden nachträglich verliehen, der Schaffensprozeß läuft unabhängig davon ab.

Es müssen nicht Blätter sein, die die hochaufragenden Stengel der „Blauen Blume“ oder des „Einbruchs in die Freiheit“ krönen. Sehen Sie Schmetterlinge darin, Blüten oder Flügel und Sie liegen ebenso richtig. Die Kunst der Abstraktion sieht Gerd Kanz als Chance: Denn das Abziehen der Darstellung vom mimetischen Prinzip der figürlichen Abbildung kann Dinge in ihrem Wesen sichtbar machen und ihnen dennoch ein Geheimnis belassen.


Der Künstler lebt mit den Jahreszeiten und sein Werk spiegelt dies wider: Tatsächlich entstehen, wie er sagt, im Winter farblose Bilder aus Weiß und Grau, die Tristesse des wolkenverhangenen Himmels schlägt sich in den künstlerischen Konzeptionen nieder. Mit dem Frühlingsanfang kehren die Farben in die Bilder und Skulpturen zurück – lange Zeit das Ultramarinblau, das auch die „Blaue Blume“ hier in der Ausstellung noch dominiert. Im Mai die Farbe des Flieders – „Die Blumen wachsen in seine Bilder“, wie eine Journalistin nach einem Werkstattbesuch bei Kanz einmal schrieb. Seine Sensibilität für Farbigkeit hat Gerd Kanz auch beim hiesigen Austellungsaufbau geleitet. Es ist selbstverständlich kein Zufall, daß der „Einbruch in die Freiheit“ durch die „Blaue Blume“ beinahe im Komplementärkontrast eine ideale Ergänzung findet.

Aber ganz so einfach ist das Wesen der Farbe im Werk von Gerd Kanz dann auch wieder nicht erklärt. Wenn Sie sich den „Frühlingsanfang“ ansehen, dann hat der nicht nur eine Farbe. Er schillert wie Perlmutt, hat 1000 Farben, man unterscheidet ultramarinblau, orange, rosa, gelb, rot, fliederfarben, weiß … Frühling eben. Das Leben explodiert und die Lebensfreude mit ihm.

Das Schillern der Farbigkeit, das Durchbrechen überdeckter Töne, das zum Teil Fleckige oder Übertupfte hängt auch mit Materialität und Arbeitsweise zusammen. Gerd Kanz gibt seine Werke gern als Öl auf Holz aus. Das ist eine heillose Untertreibung. Wenn es mal so einfach wäre. So schlicht aber ist keine der Wirkungen zu erzielen, wie sie als irisierende Oberflächen den Blick des Betrachters fesseln. Auch mir hat Gerd Kanz nicht verraten, aus wie vielen Schichten nicht nur von Farben, sondern auch von Materialien und Eisenstaub er seine zunächst tatsächlich aus dem Holz gestemmten Skulpturen aufbaut. Wir müssen es nicht wissen. Das Durchdeklinieren der Techniken und Materialien wäre eine Entzauberung des gewachsenen Werkes.


Fest steht, daß sein Handwerk zunächst das Zeichnen ist: Das Zeichnen mit Hammer und Stechbeitel. Die Formen werden aus dem Holz gestemmt, zum Teil bis zur völligen Zerschlagung wie in „Gartenland“, dem Tafelbild ganz am Ende dieses Raumes. Das Bild war mitten im Entstehungsprozeß komplett zum Puzzle zerlegt und ist wieder zusammengesetzt worden, mit tiefen Rissen und Schründen, mit Farbe belegt und mit Eisenstaub – daher die Wirkung von Cortenstahl, die uns hinsichtlich des Materials in die Irre führt – und in kleinen wiederkehrenden Formen ornamentiert.

Überhaupt das Ornament, das in den Werken von Gerd Kanz durchaus die Form seines Werkzeuges zu erkennen gibt – eben des Stechbeitels: Gerd Kanz bezeichnet das Ornament als Erinnerung an die Anderswelt – an die Welt aus Traum und Sagen, aus Märchen und Geschichten. Die Patina, die er als „Essence of Growth“ – als Essenz des Wachstums – bezeichnet und die er aus Gold und Smaragdgrün als künstliche auf die Werke zaubert, fungiert ihm als Kronzeugin von Wachstum und Gewachsensein, von Werden und Gewordensein. Deshalb würde es die Werke entzaubern, zu genau zu wissen, wie und woraus sie entstanden sind. Beobachtetes Werden gelingt nicht, die Spuren des Gewordenseins zu entschlüsseln, nimmt ihm Geheimnis und Würde.


Wichtig in allen Werken der aktuellen Ausstellung ist, Sie haben es schon erschlossen, das Prinzip des Werdens und Gewordenseins, vor allem des Aufstrebens und Aufeinander-Aufbauens. Die Ausstellung besteht ja im Grunde aus drei Werkgruppen, die aber eben in der Idee des Auseinander-Emporwachsens eine thematische Klammer finden. Die erste Werkgruppe sind die floralen Skulpturen, über die wir eingangs gesprochen haben. Die zweite Werkgruppe sind „Shadowlights“ und „Brückenschlag“, das Werk „Fensterflügel“ und „Rhodesian Violin“ und natürlich „Arcada“, die Skulptur drüben im Roten Turm. Es sind die vor- und übereinandergeschichteten Bögen – ein Motiv, das das Werk Gerd Kanz‘ seit etwa zehn Jahren durchzieht. Manchmal in die Breite gebaut wie das Kolosseum – hier eher als Türme, vom Prinzip her ebenso aufstrebend wie die floralen Skulpturen im Eingangsbereich. Antik, romanisch, oder vielleicht doch am ehesten orientalisch: Hier, zwischen den Pflanzen, erscheinen die Bauten wie überwucherte Zeugen einer vergangenen Hochkultur und die Natur im Begriff, sie sich zurückzuholen. „Wie aus 1001 Nacht“, sagt der Künstler selber und wir sind wieder in der Welt der Märchen und Träume.

Die Netze aus Bögen und Pfeilern, die als Bögen ständig die Sicht aufeinander freigeben und sie in ihren Pfeilern zugleich verdecken: Der Inbegriff des Labyrinthischen und Geheimnisvollen. Auch diese Werke veranschaulichen das Auseinander-Emporwachsen, das Aufeinander-Aufbauen als Prinzip des Werdens.

Es gibt ein Verbindungsglied zwischen dieser zweiten Werkgruppe der Bogennetze, wie ich sie nennen will, und der dritten Gruppe städtisch anmutender kompakterer Formen wie der Obelisken „Rapunzel“ und „Elfreich“, die kapellenähnliche „Ankunft“, die „Zuflucht“, deren Aussehen zwischen Haus und Kopf changiert. Dieses Verbindungsglied ist „Noch vor Weimar“, eine 2,30 m hohe Skulptur, die auf einem massiven Rundbogenbau einen nochmal so hohen Sporn wie einen schmalen Obelisken trägt. Auch Kultur baut aufeinander auf, sagt Gerd Kanz: Auch hier wächst eines aus dem anderen empor.

Das ist wahr, aber elektrisiert hat mich an diesem Werk etwas ganz anderes. Nämlich seine Form im Zusammenhang mit seinem Titel. Auch ohne den Werktitel zu kennen, habe ich beim unteren Teil der Skulptur sofort den Buchenwald Turm gesehen, wie er sich, aus Richtung Westen kommenden, „Noch vor Weimar“ dem Ankommenden zeigt. Und auch im übertragenen Sinne steht ja seit einem Dreivierteljahrhundert Buchenwald in gewisser Weise „vor“ Weimar, sind beide Orte wie ein kultureller Dipol nicht mehr voneinander zu trennen.

Wenn ich Ihnen jetzt sage, daß Gerd Kanz nicht an all diese Implikationen gedacht hat, ja, daß ihm der Buchenwald Turm gar nicht wirklich ein Begriff war, werden Sie mir kaum glauben. Es ist aber so. Aber wer meine Assoziationen teilt, darf sie beim Anblick dieses Werkes natürlich haben. Zur Deutung zählt nicht nur die künstlerische Intention. Jeder Betrachter sieht ein Werk in seinen Erfahrungshorizont hinein. Und große Kunst ist solche, die für viele Menschen und über einen langen Zeitraum hinweg mit ihren Implikationen anschlußfähig bleibt.


Ein guter Punkt, um über die Preise und Anerkennungen des 1966 in Erlangen geborenen Künstlers Gerd Kanz zu sprechen. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, bei Scharl und Grützke und wurde 1991 Meisterschüler. Seine Werke finden sich in öffentlichen Sammlungen des In- und Auslandes. Neben verschiedenen Stipendien und  Förderpreisen – bereits im Alter von 22 Jahren wurde ihm der Kulturförderpreis der Stadt Coburg zuerkannt – ist besonders der Red Dot Award für Kommunikationsdesign zu erwähnen, den Gerd Kanz 2017 gewonnen hat.


Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag mit interessanten Gesprächen und danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Dr. Cornelie Becker-Lamers                                                                                                                zurück